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10.10.2013 Natursteine „Gift“ für Rollstuhlfahrer

Natursteine „Gift“ für Rollstuhlfahrer

Lingen. Dieter Husmann (47) bietet alle Kräfte auf, um mit seinem Rollstuhl die Rampe zur Terrasse des Marktplatzes an der östlichen Seite hochzufahren. Das Natursteinpflaster der Rampe ist für Rollstuhlfahrer „Gift“ und fordert unnötige Energie.
Stadtplaner Marc Pavlitzek will wissen, welche Kraftanstrengung ein Gesunder aufwenden muss, um in einem Rollstuhl die Rampe zu bewältigen. Der Bedienstete der Stadtverwaltung leiht sich den Rollstuhl für kurze Zeit aus und bugsiert das Transportmittel aufwärts. Zwar ist er bald oben, aber anstrengend ist es auch für ihn. Von der Marktplatzseite her können Rollstuhlfahrer überhaupt nicht zur Terrasse gelangen, die sich im Eigentum der Stadt befindet. Die Stufen sind ohne fremde Hilfe unüberwindbar. Pavlitzek hält es deshalb für sinnvoll, hier eine zusätzliche Rampe anzulegen.
Vom LWT eingeladen
Der Diplom-Ingenieur und Husmann waren Teilnehmer einer eineinhalbstündigen Begehung durch die Fußgängerzone. Dazu hatte der Verein Lingen Wirtschaft und Tourismus (LWT) Mitglieder der Lingener Multiple-Sklerose-Gruppe eingeladen. Der LWT, der eng mit der Stadt kooperiert, wollte erfahren, mit welchen Schwierigkeiten Menschen zu kämpfen haben, die an Multipler Sklerose (MS) erkrankt sind und sich in der Innenstadt bewegen wollen. MS ist eine Nervenkrankheit, die das Zusammenspiel zwischen Gehirn und Muskeln massiv beeinträchtigt.
Dieter Husmann ist Ansprechpartner für die Multiple-Sklerose-Gruppe Lingen. Als Begleitperson hatte er seine Nichte Michaela Husmann mitgebracht. Mit dabei von der MS-Gruppe waren außerdem Kerstin Spitzer (39), die die Internetseite der Gruppe betreut, und Wolfgang Arnemann (50), der auf einen Rollator angewiesen ist. Neben Pavlitzek beteiligten sich auch Betriebswirtin Kirsten Vogler vom Fachbereich Personal, Steuerung und Service der Stadt Lingen sowie Citymanager Erwin Heinen an dem Rundgang, der durch mehrere Geschäfte führte. Die Teilnehmer nahmen aber auch den öffentlichen Raum in Augenschein.
Heinen: „Wir möchten in Zusammenarbeit mit den Geschäften erreichen, dass der Zugang für Menschen mit Handicaps verbessert wird.“
Pavlitzek ergänzte, dass auch im öffentlichen Bereich in Sachen Barrierefreiheit Einiges im Argen liege. Deshalb gelte es, Schwachstellen aufzudecken. Der Stadtplaner: „Der Teufel steckt im Detail.“ Es seien differenzierte Lösungen gefragt. Während zum Beispiel blinde Mitbürger Hochborde gerne als Orientierungshilfe nähmen, stellten sie für Rollstuhlfahrer eine unnötige Barriere dar. Mit kleineren, kostengünstigen Maßnahmen ließen sich für Menschen mit Handicaps oftmals Erleichterungen schaffen, meinte Pavlitzek.
Einschätzung bestätigt
Diese Einschätzung wurde beim anschließenden Rundgang bestätigt. So waren mehrere Eingangstüren zu Geschäften für MS-Betroffene nur schwer zu öffnen. Wegen hoher Stufen können Rollstuhlfahrer in einige Geschäfte ohne fremde Hilfe gar nicht gelangen. Viel wäre außerdem gewonnen, wenn in Umkleidekabinen Haltegriffe angebracht sowie die Fahrstühle breiter und ohne Schwellen versehen wären. In einer Bäckerei versperrten schlicht zu viele Stühle im Gang den Weg zu einem Tisch.
Nach Meinung von Marc Pavlitzek sind bei bautechnischen Änderungen allerdings nicht die Mieter der Geschäfte, sondern die Eigentümer gefragt.
Wie beim Rundgang deutlich wurde, besteht in den Geschäften in Sachen Zuvorkommenheit gegenüber Menschen mit Handicaps noch Nachholbedarf. Der Lingener Apotheker Martin Steinhoff machte vor, wie es geht, und öffnete sofort die Tür, um Husmann den Eintritt zu erleichtern.
Die Einschätzung von Wolfgang Arnemann, dass von Nichtbehinderten häufig gedankenlos geplant wird, lässt sich auch bei der Gestaltung des Platzes vor dem Neuen Rathaus belegen. Auch diese Rampe ist ebenso wie diejenige auf der Terrasse des Marktplatzes grob gepflastert und erschwert den Zugang. Und was ist mit der Behindertentoilette am Neuen Rathaus? Die ist grundsätzlich geschlossen. Wer sie benutzen will, muss erst zum Preis von 18 Euro über den „Club Behinderter und ihrer Freunde“ (Internet www.cbf-da.de) einen Schlüssel kaufen, der überall in Deutschland benutzt werden kann.
Ärger mit Parkplätzen
Im Übrigen ärgern sich die Mitglieder der MS-Gruppe darüber, dass mehrere Behindertenparkplätze in der Stadt keine Mindestbreite von 3,50 Metern aufweisen, sodass ein Aussteigen mit dem Rollstuhl äußerst schwierig ist.
Fazit des Rundgangs: Das Thema Barrierefreiheit gewinnt immer mehr an Bedeutung –nicht nur wegen der Alterung der Gesellschaft. „Die Leute wollen raus aus ihren vier Wänden und in die City“, verwies Kirsten Vogler darauf, dass die Stadt ein Raum für alle sein muss.



Ein Artikel von
Ludger Jungeblut, Lokalredakteur

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